Pygmalion

Pygmalion

von Bernard Shaw

Henry Higgins ist Professor für Phonetik. Er kann Londoner Akzente haargenau voneinander unterscheiden und räumlich zuordnen: Fast bis auf die Straße genau, wenn man ihm glauben darf. In einer regnerischen Nacht begegnet er seinem Bewunderer Oberst Pickering, einem Experten für „gesprochenes Sanskrit“, und einem abgerissenen Blumenmädchen mit schaurigem Akzent. Das Blumenmädchen will bei Higgins lernen, sich damenhaft auszudrücken, um eine bessere berufliche Stellung zu erreichen. Higgins wettet mit Pickering, dass man das Mädchen aus der Gosse dank seiner phonetischenKunst in kurzer Zeit nicht mehr von einer adligen Dame unterscheiden könne. Ein Spiel mit Eitelkeiten und sozialen Gegensätzen beginnt.

Die „große“ Theater AG der Leibnizschule nahm sich im Schuljahr 2010/11 des Dramas „Pygmalion“ von Bernard Shaw an, das auch die Grundlage für das weltberühmte Musical „My Fair Lady“ war. Der Pygmalion-Stoff stammt aus der Antike: Pygmalion verachtet die vermeintliche Fehlerhaftigkeit der Frauen. Er verliebt sich aber in eine elfenbeinerne Frauenskulptur, die er selbst geschaffen hat. Durch die Gnade der Göttin Venus wird die Skulptur lebendig. Pygmalion hat die perfekte Frau gefunden, die ihm bald eine Tochter schenkt.

Der antike Mythos wurde in der Inszenierung der Theater AG durch einen Chor rezitiert, wie man ihn auch im antiken Drama findet (Taina Gabriel, Anke Mönikes, Lisa Tyminskaya).

Higgins (mit viel Spielfreude verkörpert von Mathias Hellweg) ist ein moderner Pygmalion, der nicht Elfenbein, sondern die Sprache formt. In Eliza Doolittle (nach kurzer Eingewöhnung wandlungsfähig und ausdrucksstark gespielt von Kübra Karaca) findet er das „Rohmaterial“, um seine besondere Begabung zu demonstrieren („Eine Frau, die derart abstoßende und widerwärtige Äußerungen von sich gibt, hat kein Recht, irgendwo zu sein, ja, kein Recht zu leben!“). Oberst Pickering, mit Noblesse auf die Bühne gebracht von Taina Gabriel, begleitet dieses Abenteuer mit der ihm eigenen Höflichkeit. Auf sein tadelloses Benehmen zielt Elizas Satz: „Abgesehen von dem, was jeder sich aneignen kann – Kleidung, einwandfreie Aussprache und so weiter – ist der Unterschied zwischen einer Dame und einem Blumenmädchen wirklich und wahrhaftig nicht, wie sie sich benimmt, sondern wie man sie behandelt.“

Auch Elizas Vater, Alfred Doolittle, wittert seine Chance, als er von den Bemühungen der bessern Herren um seine Tochter erfährt. Meike Heinlein interpretierte diesen Charakter höchst unterhaltsam und bejammerte glaubhaft die „Moral vom Mittelstand“. Besorgt und wenig amüsiert reagiert Higgins’ Mutter auf dessen „Experiment“. Viktoriya Khuvis zeigte die Mutter reichlich enerviert („Oh, Männer! Männer! Männer!“). Ihre Gäste, Mrs Eynsford-Hill (Anke Mönikes) mit ihren Kindern (Lisa Tyminskaya als freches Gör Clara und Felix Ihno Hörner als ihr Bruder Freddy) nehmen den ersten Auftritt Elizas in der Gesellschaft ganz unterschiedlich auf. Während Clara sich mehr für Professor Higgins interessiert, hat Mrs Hill ihre liebe Mühe den zunehmend eigenwilligen Ausführungen Elizas zu folgen („Jede Menge Frauen machen ihre Männer besoffen, dass man mit ihnen auskommen kann.“). Freddy wiederum ist hingerissen von der „neuen Art der Plauderei“, die Eliza pflegt. Ihn wird Eliza am Ende heiraten, nachdem sie sich von ihrem „Schöpfer“ Higgins emanzipiert hat. Kein Happy End also im Sinne des Mythos, wo sich Pygmalion die perfekte Frau erschafft. Vielleicht aber für Eliza, die ihren eigenen Weg geht.

Das Ensemble unter der Leitung von Steffi Lachmann und Axel Ehlers brachte das doch recht lange Stück mit viel Witz und gelegentlichen Slapstick-Einlagen auf die Bühne (phonetisch meisterlich: Romana Hubrich als Stubenmädchen mit Handstaubsauger). Mehrere der Darstellerinnen waren in mehr als einer Rolle zu sehen und mussten sich in Männerrollen hineinfinden. Auch kurzfristig erforderliche Umbesetzungen im Vorfeld haben die Spielerinnen und Spieler bravourös und mit Spielfreude gemeistert. Der Lohn der Mühe war ein unterhaltsamer Theaterabend mit viel Applaus.