Gesundheit auf hohem Niveau

Leibnizer treffen Nobelpreisträger beim „Nobel Prize Dialoge“ in Berlin

Ganz nah: Nobelpreisträger Alvin Roth mit Leibnizern

„Hauptsache gesund!“, wie oft hört man diesen Satz in Gesprächen. Gesund möchte jede und jeder gerne sein. Wie die Gesundheit möglichst vieler Menschen in Zukunft effektiv gefördert werden kann, war das Thema des Nobel Prize Dialogue 2019, der am 8. November 2019 in Berlin stattfand. Die von der Nobel Media in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und anderen Partnern organisierte Tagung brachte Nobelpreisträger in Chemie, Medizin und Ökonomie sowie weitere herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt für einen Tag zusammen, um unter dem Thema „Towards Health. Equality, Responsibility and Research“ über Gesundheit zu diskutieren. Dass dieser Begriff keineswegs nur die körperliche Gesundheit meint, machte Peter Agre (Nobelpreis für Chemie 2003) deutlich, als er trotz seiner Parkinson-Erkrankung sagte, er fühle sich gesund, weil er eine sinnvolle Aufgabe habe und angenehme Lebensbedingungen genieße.

Die Volkswagen-Stiftung finanzierte die Veranstaltung mit und gab knapp 40 Schülerinnen und Schülern aus Hannover mit einem Schwerpunkt in den MINT-Fächern die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Neben neun Schülerinnen und Schülern der Leibnizschule waren die Bismarckschule, die Sophienschule und die St. Ursula-Schule mit von der Partie. Da „Gesundheit“ nicht nur von naturwissenschaftlicher Forschung abhängt, sondern auch ökonomische, ethische und moralische Fragen betrifft, wie Laura Sprechmann von der Nobel Media einleitend ausführte, gab es für den Geschichts- und Religionslehrer als Begleiter ebenfalls allerhand zu lernen. Gesundheit wurde hier sehr umfassend als ein friedliches Zusammenleben der Menschheit im Einklang mit dem Planeten begriffen. „Die Themen waren trotz des naturwissenschaftlichen Schwerpunkts eigentlich Themen für alle, nicht bloß für Naturwissenschaftler“, stellten die Zwölftklässlerinnen Paula und Vanessa in ihrem Resümee der Tagung fest.

Künftige Nobelpreisträgerinnen und aktueller Nobelpreis­träger

In den Kurzvorträgen und Diskussionen ging es um grundsätzliche Fragen danach, was Gesundheit eigentlich bedeutet (z. B. „Freiheit“), welche Schwerpunkte in der Forschung gesetzt werden sollten (Grundlagenforschung oder angewandte Forschung?) und welche Herausforderungen die Zukunft stellen wird. Eine der größten ist der Klimawandel, dessen weitreichende Konsequenzen die Gesundheitsforscherin Kristie Ebi von der University of Washington in Seattle anschaulich verdeutlichte. Sie skizzierte die aus dem Klimawandel resultierende Knappheit an Nahrung und Wasser als eines der fundamentalen globalen Risiken für das 21. Jahrhundert. Weitere große Themen waren die Gleichheit („equality“) oder Fairness („equity“) beim Zugang zur Gesundheitsfürsorge und die Konsequenzen der weltweit stark zunehmenden Urbanisierung, die Tolu Oni von der Universität Cambridge besonders hervorhob.

Bei den Schülerinnen und Schülern kamen die Themenblöcke zur Ernährung mit Suzanne Devkota (Los Angeles) und Kathryn Dewey (University of California) sowie zur Organspende besonders gut an. Auch Ursula Staudingers (Columbia University) Darstellung und Diskussion mit Edvard Moser (Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2014) zur geistigen Gesundheit in einer alternden Gesellschaft stieß auf reges Interesse. Alvin Roth (Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2012) präsentierte in seinem Referat, das die Schülerinnen und Schüler wegen seiner Anschaulichkeit lobten, ein Modell zur Steigerung der Lebendspenden von Nieren. Er verband das mit einem konkreten Vorschlag zur Änderung des deutschen Transplantationsgesetzes, für dessen rasche Umsetzung der Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Bildung und Forschung, Ernst Dieter Rossmann, allerdings eher keine realistische politische Perspektive sah.

An dieser Kontroverse wurde sichtbar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse allein noch lange nicht zu verändertem menschlichem Handeln führen müssen und manchmal sogar irrationale Gegenreaktionen auslösen. Moralische Maßstäbe für das Zusammenleben etwa beruhen oft auf vor- und außerwissenschaftlichen Fundamenten. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn Impfungen durch religiöse Autoritäten abgelehnt werden, weil das Impfserum aus Schweinen gewonnen wurde, wie Tikki Pang (Universität Singapur) auf dem Podium über Impfskepsis zu berichten wusste. Vor- und außerwissenschaftliche Kriterien kommen unausweichlich auch zur Anwendung, wenn man die Vision von Tomas Lindahl (Nobelpreis für Chemie 2015) beurteilen möchte, es müsse das Ziel der Forschung sein, dass wir alle bei guter körperlicher und geistiger Gesundheit knapp hundert werden können. Soll das wirklich unser Ziel sein? Die Antwort kann die Naturwissenschaft allein kaum geben.

Nicht zuletzt stellt sich dabei die Frage nach den Kosten. Welche „Gesundheit“ können wir uns überhaupt leisten? Um eine kosteneffiziente öffentliche Gesundheitsfürsorge sicherstellen zu können, wurden in der Abschlusssektion verschiedene Vorschläge gemacht: Etwa die Nutzung von „Big Data“ zur Verbesserung von Forschungsergebnissen (Christiane Woopen, Köln) oder die weitreichende Digitalisierung als Mittel zur Entlastung des medizinischen Personals (Heyo Kroemer, Charité Berlin). Da Krankheit im Ganzen immer teurer sei als Gesundheitsfürsorge (Alvin Roth), sei zudem die Vorsorge von besonderer Bedeutung. Dabei, so Michael Marmot (London) spielten Lebensbedingungen, die dem Einzelnen eine verantwortliche Sorge für die eigene Gesundheit überhaupt erst ermöglichen, eine entscheidende Rolle. Die Gestaltung unseres Zusammenlebens aber ist fraglos eine Aufgabe aller, nicht bloß der Wissenschaft.

Zwar stellte die Tagungssprache Englisch die Schülerinnen und Schüler – und angeblich auch den Simultandolmetscher – bei einzelnen Referenten vor anspruchsvolle Hörverstehensaufgaben, das tat dem positiven Gesamterlebnis jedoch keinen Abbruch. Das frühe Aufstehen (Abfahrt um 6.00 Uhr früh) wurde allgemein als lohnendes Opfer für einen außerordentlich anregenden Tag empfunden. Die Vielfalt der Themen und Perspektiven und die abwechslungsreiche Gestaltung der Tagung kamen durchweg gut an. Der Volkswagen-Stiftung gebührt ein großer Dank dafür, Schülerinnen und Schülern aus Hannover die Teilhabe an diesem besonderen Beitrag zu einer vertieften Allgemeinbildung und zu einer begeisternden Begegnung mit der Welt der Wissenschaft ermöglicht zu haben.

Axel Ehlers