Unsere Toten? Klasse 10b gestaltet Gedenken mit Familiengeschichten

Kranzniederlegung des VEL anlässlich des Volkstrauertages

Was haben wir, Schülerinnen und Schüler, die im 21. Jahrhundert geboren wurden, eigentlich mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu tun? Welchen Bezug haben wir zur Erinnerung an die Toten dieser Kriege? Anlässlich des Volks­trauer­tages am 18. November gestaltete die Klasse 10b am Freitag, dem 16. November 2018, im Eichen­hain eine Gedenkstunde für den zehnten Jahrgang, bei der sie diese Fragen eindrucksvoll durch die Vorstellung von Schicksalen aus den eigenen Familien beantwortete.

Die vorbereitende Recherche in den Familiengeschichten hatte zahlreiche Bezüge zum Zweiten Weltkrieg zutage gefördert. „Es war schwer zu entscheiden, welche dieser Ge­schichten wir erzählen wollen“, sagte Saoirse einleitend. Vier Schick­sale hat die Klasse schließlich ausgewählt, „weil sie beispielhaft für den Krieg und seine Auswirkungen stehen“, erklärte Mascha. Aus deutscher Sicht stellten Kian und Laura ihre Urgroßväter vor. Während der eine sich freiwillig und aus Überzeugung für den Kriegseinsatz gemeldet hatte und an der Ostfront gefallen war, wurde der andere in einem nationalsozialistischen Erziehungslager gefoltert und schließlich zwangs­weise in den U-Boot-Krieg geschickt. Den Untergang seines U-Boots überlebte er nur knapp, hatte jedoch für den Rest seines Lebens mit den gesund­heit­lichen Schäden aus der Kriegszeit zu kämpfen.

Diesen Schicksalen stellten die Schüler zwei Geschichten von „der anderen Seite des Krieges“, nämlich aus der Sowjetunion, an die Seite. Dazu erläuterte Maurice: „Menschen anderer Kulturen, Religionen und Nationen sind für uns nicht mehr eine fremde Gegenmacht, sondern ein wertvoller Teil unseres Lebens. Als Nachbarn, als Leibnizer, als Freunde.“ Nika und Sophie berichteten von ihrer Großmutter und ihrem Urgroßvater, die in Weißrussland und Russland lebten, als deutsche Truppen ihr Land besetzten. Sie mussten aus ihren Häusern fliehen und versteckten sich im eisigen Winter mit ihrer Familie im Wald oder kämpften mit den Partisanen gegen die Angreifer. Der Krieg hinterließ auch hier seine Spuren über das Ende der Kämpfe hinaus. Der Verzehr eines rohen Wildtieres im Wald führte beispielsweise noch Jahre später zu einer zeitweiligen Lähmung bei Sophies Urgroßvater.

Das Gedenken müsse die Erinnerung an alle Toten des Krieges ein­schließen, führte Julia abschließend aus, nicht nur an die gefallenen Leibnizer. Stellvertretend für letztere stellte Baselius Franz Bertram vor, der Ende August 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, als junger Abiturient in Frankreich fiel. So schlugen die Schülerinnen und Schüler einen Bogen vom traditionellen Totengedenken an gefallene Soldaten der eigenen Nation zu ihrer eigenen Gegenwart, in der sie als Nachfahren einstiger Kriegsgegner gemeinsam in derselben Klasse lernen. „Unsere Toten“ seien daher nicht nur die Leibnizer, sondern die Toten all der Familien, die vom Krieg betroffen waren.

Dem pflichtete Christian Knupper vom Verband Ehemaliger Leibnizer (VEL) ausdrücklich bei, bevor er gemeinsam mit Cord Bräuer einen Kranz an der 1966 vom VEL gestifteten Gedenkstele im Eichenhain niederlegte. Die Schülerinnen und Schüler des zehnten Jahrgangs legten Rosen dazu. Für ihren engagierten und nachdenklichen Beitrag sprach Koordinatorin Juliane Raffel-Nottbohm den Schülerinnen und Schülern der Klasse 10b namens der Schulleitung ihren herzlichen Dank aus.

Axel Ehlers

Fotos: Knut N. Krafft

Mehr zur Gedenk- und Erinnerungskultur an der Leibnizschule