Leibnizer gedenken im Landtag der Reichspogromnacht vor 80 Jahren

Klasse 10b hört Zeitzeugin Yvonne Koch bei Feierstunde

Am 9. November vor 80 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen, auch in Hannover. An die Reichspogromnacht 1938 und ihre Folgen erinnerte am Freitag, dem 9. November 2018, eine Feierstunde im Niedersächsischen Landtag, an der die Klasse 10b – als eine von zwei Schulklassen – teilnehmen konnte.

Beeindruckend fanden die 30 Schülerinnen und Schüler die Rede der fast 85-jährigen Dr. Yvonne Koch, die 1944 im Alter von zehn Jahren ohne ihre Eltern aus der Slowakei nach Bergen-Belsen deportiert worden war. „Was sie erzählt hat, war sehr interessant und auch sehr berührend“, sagte eine Schülerin und fügt an: „Mich hat es zum Nachdenken gebracht und es hat mich realisieren lassen, wie viel Glück wir haben, dass wir so etwas nicht erleben und durchmachen mussten.“

Yvonne Koch berichtete von ihrer Zeit im KZ und aus ihrem Leben danach. Beispiels­weise davon, wie sie in Bergen-Belsen ihre Mutter in einem Berg von Halbtoten und Leichen suchte. „Auch über eine tote Mutter wäre ich glücklich gewesen“, so Koch. Anschaulich beschrieb sie die qualvollen Zählappelle und den ständigen Kampf gegen die Kälte und den Hunger. Lediglich ein paar gestrickte Handschuhe, die ihr von einer Mitgefangenen geschenkt worden waren, brachten etwas menschliche Wärme in ihr Leben. Bei der Befreiung durch die britische Armee lag sie im Koma und überlebte die Zeit im Lager nur knapp.

Bis zu ihrem siebzigsten Lebensjahr habe sie aus Scham nicht über die Zeit im Lager gesprochen, sagte Koch. Seit 1965 ist sie mit einem Deutschen verheiratet, hat lange in den USA gelebt und als Mikrobiologin gearbeitet und geforscht. Immer wieder aber sei die traumatische Lager­erfahrung plötzlich in dieses normale Leben hereingebrochen, zum Beispiel bei der Betrachtung eines abstrakten Gemäldes von Jackson Pollock: „Ich habe plötzlich Bergen-Belsen gesehen“, beschrieb die Rednerin ihre Erfahrung.

Das bewegte auch die zuhörenden Schüler. „Ich denke über die Aus­wirkungen auf das Privatleben der KZ-Überlebenden nach, da viele von ihnen ihre Erfahrung lange zu verdrängen suchten“, sagte beispiels­weise ein Schüler. Die Tatsache, dass „das Lager“ die Inhaftierten meist ein Leben lang nicht mehr freigibt, wurde so nachvollziehbar.

Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen müsse wach gehalten werden, erklärte Koch. „Wenn die Jugendlichen sich nicht mit der Vergangenheit befassen, dann können sie die Gegenwart nicht ver­stehen“, sagte sie und stieß damit auf viel Zustimmung bei ihren jugend­lichen Zuhörern auf der Besuchertribüne des Landtags.

Kontroverser beurteilt wurde der Vortrag von Professor Dr. Samuel Salzborn vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Salzborn erörterte ausgehend von Theodor W. Adornos neuem kategorischen Imperativ, dass „Auschwitz“ nicht noch einmal geschehen dürfe, den Umgang mit Schuld und Anti­semi­tismus nach dem Krieg. Die bedrohliche Realität des Anti­semi­tismus in der heutigen Zeit erzwinge geradezu das Erinnern, unter anderem daran, wie Menschen zu den mörderischen Konsequenzen des Anti­semi­tismus durch Unterlassung oder Anpassung beigetragen hätten, ohne selbst handgreiflich zum Mörder zu werden. Etwa, indem man keine jüdischen Geschäfte mehr betrat oder die Straßenseite wechselte, wenn jüdische Nachbarn entgegenkamen.

Die fehlende Bereitschaft, die eigene Vergangenheit als „unerträgliche Störung“ aufzuarbeiten, habe nach dem Krieg vielfach zu einer unter­gründigen Kontinuität und Verstärkung anti­semitischer Einstellungen und zu Relativierungen der NS-Verbrechen geführt. Statt dessen hätten viele Deutsche sich oder ihre Angehörigen vor allem als Opfer des NS-Diktatur und des Krieges sehen wollen, ohne sich über familiäre Ver­strickungen in die Verbrechen des Regimes Rechenschaft abzulegen. Der Anti­semi­tismus habe so „im Unbewussten“ überdauert und lebe heute vielfach wieder auf. Seine Ausführungen zur Relativierung historischer Schuld und antisemitischer Menschenfeindlichkeit bezog Salzborn abschließend konkret auf Zitate von Politikern der AfD, die er dabei als „rechtsextreme Partei“ bezeichnete.

Der aggressive Grundton des Vortrags sorgte bei den Schülerinnen und Schülern für Irritation. „Sehr politisch und unpassend für einen Tag des Gedenkens“, empfand zum Beispiel eine Schülerin den Schluss der Rede, während eine andere in der Klassen-Diskussion betonte, gerade an einem solchen Tag müssten Wahrheiten auch deutlich ausgesprochen werden. Einige Schülerinnen und Schüler fühlten sich persönlich „beschuldigt“ oder hatten Mühe, den Ausführungen Salzborns zu folgen, so dass der Vortrag hinterher von der Klasse noch angeregt diskutiert wurde.

Einigkeit bestand darin, dass es ein großer Gewinn gewesen sei, an der Feierstunde teilzunehmen. „Ich denke, wir müssen die Zeit ausnutzen, in der es noch Zeitzeugen gibt, um möglichst viel Wissen über die Ge­scheh­nisse zu sammeln, das wir später auch weitergeben können“, meinte eine Schülerin. Die abschließende Frage der Land­tags­präsi­dentin Gabriele Andretta, wie wir uns in 20 Jahren erinnern werden, wird von den Schüler­innen und Schülern also wohl beant­wortet werden. Für die Mög­lich­keit, an dieser Gedenkfeier teilzunehmen, sei dem Nieder­sächsischen Landtag herzlich gedankt.

Axel Ehlers

Foto: ZDF

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