„Für eine Schule mit Toleranz und Courage“

Rosa-Ruth Wertheimer hatte Glück. Sie gelangte 1939 mit einem Kinder­transport nach England, wo sie über­lebte. „Von meiner Mutter sehe ich nur noch eine winkende Hand, doch als ich den Arm hebe, um sie zu verab­schieden, ist sie schon außer Sicht­weite“, lassen Schüler­innen und Schüler der Leibniz­schule die Elf­jährige in einem fiktiven inneren Mono­log sagen, den sie selbst ver­fasst haben.

Am Donners­tag, dem 26. Januar 2017, erinnerten die Leibnizer anläss­lich des Gedenk­tages für die Opfer des National­sozialis­mus an jüdische Be­wohner des Hauses Wald­straße 38. Knapp 250 Zehnt- und Elft­klässler ver­folgten in der Aula des Lister Gymnasiums die Aus­führungen ihrer Mit­schüler. Wegen der Zeugnis­ferien fand die Gedenk­stunde schon einen Tag vor dem eigent­lichen Gedenk­tag statt, der seit 1996 am 27. Januar begangen wird, dem Tag der Be­freiung des Ver­nichtungs­lagers Auschwitz.

Die letzte gemein­same Adresse von Rosa-Ruth Wertheimers Familie war die Wald­straße 38 in der List. Seit September 2016 erinnern zwölf Stolper­steine im Geh­weg­pflaster vor dem Haus an das Schick­sal der jüdischen Be­wohner, die der national­sozialistischen Ver­folgung zum Opfer fielen. Die Elft­klässler aus dem Geschichts­kurs von Lehrerin Hannah Lüttig waren auf Anregung von Anlieger Frank Preusse bei der Ver­legung der Steine durch den Künstler Gunter Demnig dabei. An­schließend recher­chierten sie zu den Menschen, deren Namen auf den Stolper­steinen stehen. Daraus ent­standen ihre teils sachlich infor­mierenden, teils literar­ischen Texte, in denen sie einige der ehe­maligen Haus­be­wohner vor­stellten. Musikalisch unter­stützt wurden sie dabei von Mikhail Koblik (Gitarre) und Robin Hetka (Klavier).

In ihren Vor­trägen führten die Schüler ein­drücklich vor Augen, wie der National­sozialismus das Leben von Menschen zer­störte. Geradezu absurd mutet das Schick­sal des 1883 geborenen Sally Bähr an. Nur kurz­zeitig lebte er in der Wald­straße. 1937 floh er über Amsterdam nach Frank­reich, um der zu­nehmenden Repression gegen Juden zu ent­gehen. Nach Kriegs­be­ginn wurde er als Deutscher und damit als An­ge­höriger einer Feind­nation im Lager Antibes bei Nizza inter­niert. Die Lebens­um­stände im Lager waren schlecht. Sally Bähr zog sich eine Blut­ver­giftung zu, an der er kurz nach seiner Frei­lassung im Dezember 1939 verstarb. Sein Bruder Julius konnte mit seiner Frau weiter nach Brasilien fliehen und über­lebte.

Die 1870 geborene Minna Levy lebte ebenfalls in der Wald­straße, bevor sie 1932 in ein Alters­heim in der Brabeck­straße zog. Als über Siebzig­jährige wurde sie 1942 von Ahlem aus nach Theresien­stadt deportiert. Dort starb sie nach wenigen Monaten. Die Schüler erläuterten die Geschichte des Ghettos Theresien­stadt, das als „Vorzeige­ghetto“ der Welt­öffentlich­keit akzeptable Lebens­um­stände vor­spiegeln sollte. Viele Bewohner wurden jedoch weiter nach Auschwitz transportiert und dort ermordet. Im Ghetto selbst führten Enge und schlechte Ver­sorgung zu zahl­reichen Todes­fällen. Rosa-Ruth Wertheimer blieb das erspart, als sie kurz vor Kriegs­beginn noch nach England gelangte. Ihre Eltern Heinz und Amalie aber wurden 1941 nach Riga deportiert. Der Vater kam dort um, die Mutter starb 1944 im Konzen­trations­lager Stutthof bei Danzig. Rosa-Ruth sah sie nie wieder.

Schulleiter Kurt Veith betonte in seiner Begrüßung die Wichtigkeit der Erinnerung an die national­sozialistischen Ver­brechen und dankte den Schülern für ihr Engage­ment. Die Schüler selbst fanden eine eigene Antwort auf die Frage, ob die Erinnerung und das gemein­same Gedenken notwendig seien. Gemein­sam stellten sie sich zum Abschluss an die Bühnen­kante. Elisa-Margaux Bongartz trug stell­ver­tretend für den gesamten Kurs ein Statement vor. Nach­drücklich erinnerte sie daran, dass Anti­semitis­mus, Rassismus oder Homo­phobie keines­wegs der Ver­gangen­heit ange­hörten. An der Leibniz­schule sei jedoch kein Platz für Hass und Diskrimi­nierung. Auch mit Blick auf aktuelle politische Diskussionen sagte sie: „Wir sollten uns alle darauf konzen­trieren, gemein­sam zu arbeiten und die Fehler bei uns selbst zu suchen anstatt bei anderen. Wir stehen für eine Schule mit Toleranz und Courage.“ Die Mitschüler und Lehrer im Publikum bekräftigten das durch ihren an­haltenden Applaus.

Axel Ehlers

Fotos: Niklas Globke, Axel Ehlers

 
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