„Ich war Deutscher wie jeder andere“

Anlässlich des Tages des Geden­kens an die Opfer des National­sozialis­mus am 27. Januar haben Schüler­innen und Schüler der Leibniz­schule an das Schicksal der Familie Fürst aus Hannover erinnert. Vor gut 200 Mit­schülern aus dem zehnten und elften Jahr­gang be­richte­ten die Zwölft­klässler aus einem Geschichts­prüfungs­kurs am Dienstag, den 26. Januar in der Schul­aula über das Leben von Helmut Fürst und seinen Eltern, Max und Else Fürst. Dabei wurden sie unter­stützt von Helmut Fürsts Sohn, Michael Fürst, der selbst vor fünfzig Jahren an der Leibniz­schule sein Abitur abge­legt hat.

Die Familie lebte im hannover­schen Stadt­teil List, als 1933 die National­sozial­isten an die Macht kamen. Seit Genera­tionen hatten männ­liche Mit­glieder der Familie in deutschen Armeen ge­dient. Max Fürst hatte im Ersten Welt­krieg gekämpft und das Eiserne Kreuz erster Klasse er­halten. Hann­over und Deutsch­land waren seine Heimat und die der Familie. Auch sein Sohn Helmut Fürst war in diesem Sinne er­zogen wurden: „Ich war Deutscher wie jeder andere auch“, be­richtete er rück­blickend. Dass er Jude war, wurde erst nach der national­sozialist­ischen Macht­über­nahme zu einem Problem. Sein Vater wurde bereits 1933 will­kürlich für einige Tage verhaftet, 1936 wurde Helmut der Schul­besuch ver­wehrt, 1938 brannte in Hannover, wie in vielen deutschen Städten, die Synagoge. Für jüdische Familien wurde das Leben zu­nehmend er­schwert.

Die Schüler er­läuterten den histo­rischen Kontext und lasen Aus­züge aus einem Inter­view, das Matthias Horndasch im Jahr 2007 mit Helmut Fürst geführt hatte. Dazu zeigten sie Fotos aus dem Familien­album von Michael Fürst. Hauke Köhn begleitete den Vortrag musikalisch am Flügel. Obwohl Helmut Fürsts Bruder bereits 1936 nach Süd­afrika aus­ge­wandert war, lehnte Vater Max eine Aus­wanderung für seine Familie lange ab. „Was brauche ich aus­zu­wandern? Ich war Front­soldat“, erinnerte sich Helmut Fürst an die Worte seines Vaters. Per­sön­liche Leistungen und Ver­dienste spielten im völki­schen Rassismus der National­sozialisten aber keine Rolle, wie die Schüler aus­führten.

Im Sep­tember 1941 musste die Familie ihre Wohnung in der Bödeker­straße räumen und in eines der hannover­schen „Juden­häuser“ ziehen. Am 15. Dezember 1941 wurden Helmut Fürst und seine Eltern Max und Else zu­sammen mit 998 weiteren Juden aus Hannover in das Ghetto Riga deportiert. Die Eltern kamen, wie fast alle Deportierten dieses Trans­portes, im Ghetto um. Mit viel Glück überlebte Helmut Fürst Konzentrationslager und Zwangs­arbeit. Er kehrte in das zerstörte Hannover zurück, wo er gemein­sam mit wenigen Anderen die jüdische Gemeinde neu gründete.

Heute ist sein Sohn, Michael Fürst, Vor­sitzender dieser Ge­meinde. Der Goldene Abiturient der Leibniz­schule (Abitur 1966) ist außerdem Vor­sitzender des Landes­ver­bandes der Jüdischen Gemeinden in Nieder­sachsen. Zwölft­klässlerin Verena Tiedau bat ihn zum Abschluss der Gedenk­stunde zum Inter­view auf die Bühne. Ob sein Vater viel über die Zeit im Lager ge­sprochen habe, war einer ihrer Fragen. Michael Fürst be­richtete, dass sein Vater in der Familie anfangs kaum über die Deportation und die Lager­erfahrung erzählt habe. Erst auf Drängen der Kinder habe er seine Erleb­nisse mit­geteilt.

Auf Anti­semitismus im Nach­kriegs­deutschland ange­sprochen, berichtete Michael Fürst von einer Episode bei der Bundes­wehr, in die er als erster jüdischer Soldat nach dem Krieg einge­treten war. Ein Vor­gesetzter hatte sich seiner­zeit selbst als „Antisemit“ be­zeichnet und war darauf­hin ver­setzt worden. „Heute würde man dafür aus dem Dienst entfernt“, sagte Fürst. Er be­richtete auch von wieder­holten Schän­dungen des jüdischen Fried­hofs An der Strang­riede in jüngster Zeit. „Das ist nicht mehr witzig“, meinte Fürst.

Anti­semitismus sei gegen­wärtig in rechts­radikalen Kreisen, aber auch bei vielen Ein­wanderern aus dem arabischen Raum verbreitet. Die gegen­seitige An­erkennung des Lebens­rechtes anderer sei aber eine wichtige Grund­lage für ein gelingen­des Zusammen­leben. Fürst sucht daher als Vor­sitzender der jüdischen Ge­meinde auch das Ge­spräch mit Muslimen und Palästi­nen­sern in Hannover. Es gehöre zur Demo­kratie, dass man auch ein­mal anderer Meinung sei. Andere auf Grund ihrer Reli­gion oder Her­kunft aus­zu­grenzen oder ab­zu­werten, gefährde aber den Frieden in einer Gesell­schaft. Einer solchen Haltung müsse deut­lich wider­sprochen werden.

Der Goldene Abiturient und Zeit­zeuge gab seinen nach­denk­lichen Zu­hörern den Wunsch mit auf den Weg, dass sie sich aktiv in die demo­kratische Gesell­schaft, in der sie leben, ein­bringen und sich für ein fried­liches Zusammen­leben aller Bürger ein­setzen mögen. Ähnlich äußerte sich Schul­leiter Kurt Veith in seinen ein­leitenden Worten. Zu einer humanen Gesell­schaft gehöre es, nicht gleich­gültig zu sein gegen­über der Not anderer. Veith betonte die Be­deutung der Er­innerung an die Opfer des National­sozialis­mus, um die Werte der Demo­kratie schätzen und be­wahren zu können. Den Zwöflt­klässlern, die die Gedenk­stunde ge­staltet haben, dankte er herz­lich für ihr Engage­ment.

Axel Ehlers

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