„Anderen Kulturen begegnen“ – Lesung im Landtag

Klasse 9C begegnet preisgekrönten Autoren

Die Klasse 9C besuchte am 4. November 2015 den Nieder­säch­sischen Land­tag zu einer be­sonderen Autoren­be­gegnung. Einge­laden waren Aygen-Sibel Celik, Carolin Philipps und Salim Alafenisch. Alle drei haben sich in den ver­gange­nen Jahren viel­fältig lite­rarisch mit dem Thema der inter­kultur­ellen Be­gegnung be­schäftigt und mehrere Preise wie zum Beispiel den „Mentioning Award“ der Unesco für Frieden und Toleranz erhalten.

Vier Schul­klassen aus Nieder­sachsen konnten dieser Lesung bei­wohnen, neben achten bis zehnten Klassen der Oberschule Loccum, der RS Burgdorf und der IGS Göttingen hatte die Leibniz­schule das Glück, eine von ihnen zu stellen. Initiiert worden war die Ver­anstal­tung vom Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. Hannover.

Nach der Begrüßung durch Land­tags­präsident Bernd Busemann und die Vor­sitzende des Bödecker-Kreises, Insa Bödecker, wurden die einzelnen Autoren jeweils von Schüler­innen und Schülern begrüßt und ange­sagt. Shermin Rah­manian Koushkaki und Jacqueline Amponsah aus der 9C fanden die ein­leitenden Worte für Salim Alafenisch, den deutsch schreibenden palästinen­sischen Schrift­steller mit israelischer Staats­bürger­schaft, der aus der reichen münd­lichen Erzähl­tradi­tion des Arabischen schöpft, die er als Kind im Zelt seines Vaters oder am nächt­lichen Lager­feuer der Beduinen kennen gelernt hat, denn sein Vater war Beduinen­scheich.

So konnte er uns damit er­staunen, dass er mit 18 Jahren erst die achte Klasse besuchte; denn da er in der Wüste Negev aufwuchs, hütete er bis zu seinem 14. Lebensjahr die Kamele seines Vaters. Erst dann lernte er in Nazareth Lesen und Schreiben, machte später sein Abitur. Als Ein­undvierzig­jähriger studierte er in London, ist heute Ethno­loge und Sozio­loge sowie Autor diverser wissen­schaft­licher Publi­kationen zur Ge­schichte und Kultur des Vorderen Orients. Hätte er nicht diesen aka­demischen Weg ein­ge­schlagen, wäre er wohl heute Herrscher über ein­tausend arabische Nomaden im Süden Palästinas. Aber so schlägt er in seinen Büchern die Brücke zwischen Orient und Okzident und beein­druckte uns durch seine Lesung aus dem Buch „Die Feuerprobe“.

Darin geht es um ein archaisches Prinzip der Wahr­heits­findung und Rechts­sprechung, wie es heute noch in noma­dischen Kreisen praktiziert wird. Für uns un­vor­stellbar, wird „Ange­klagten“ eine glühend heiß erhitzte Metall-Schöpf­kelle gereicht, an die vor großer Zeugen­schaft die Zunge gelegt werden muss. Wer zuvor die Un­wahr­heit gesprochen hat, wird sich die Zunge ver­brennen, mindes­tens eine Blase wird sich bilden. Wer aber die Wahr­heit spricht, bleibt unver­letzt. Dass dies nicht nur ausge­dachte Spinnereien eines Autors sind, erfuhren wir durch seinen bio­grafischen Bericht: Er selbst sowie alle Männer seines Stammes hatten sich vor vielen Jahr­zehnten dieser Feuer­probe unter­ziehen müssen, da sie des Mordes ver­dächtigt worden waren. Das Urteil jedoch hat sie frei­ge­sprochen von jeder Schuld, sonst hätten wir Herrn Alafenisch auch nicht er­leben können.

Inter­essant waren die vielen ethno­logischen Parallelen zu dieser Feuer­probe, von denen er einige auf­zählte. Ergänzt wurden sie durch von ihm als Wissen­schaftler angelegte Statistiken, die belegen, dass bei 1600 Feuer­proben der letzten Jahr­zehnte in den Nomaden­kulturen nur ca. 16 % aufgrund von Brand­blasen zu einem Schuld­spruch führten. Für den ger­manischen Bereich zeigen schrift­liche Quellen, dass hier „die Hand ins Feuer gelegt“ wurde – weil im Okzident die Hand als Binde­glied zum Herzen galt, im Orient sei jedoch die Zunge das Organ, das mit dem Herzen ver­bunden sei. Und mit „Herzens­zunge“ erzählte er uns von seinen Erlebnissen.

Auch die Autorinnen faszi­nierten durch Be­geg­nung mit „anderen Welten“, die jedoch stärker mit der uns be­kannten ver­woben waren: Aygen-Sibel Celik, in Istanbul geboren, mit sechs Jahren nach Deutsch­land gekommen, mit 16 Jahren wiederum mit der damaligen „Gast­arbeiter“-Familie zurück­ge­gangen in eine halbwegs fremde Heimat, mit 21 Jahren wieder nach Deutsch­land zum Studium zurück­ge­kehrt, hat auch ein Leben „zwischen den Kulturen“ erlebt.

Sie las aus „Seidenhaar“ und ließ uns am Schicksal ihrer türkisch­stämmigen, in Deutsch­land lebenden Protagonistin Sinem teil­haben, die plötzlich in den Strudel der Kopf­tuch­diskussion gerissen wird und erleben darf, wie Mit­schüler sie nicht mehr als Individuum be­trachten, als sie „ein Stück Stoff“ mehr trägt. Freund­schaften werden in Frage gestellt und unser aller Vor­ur­teile ange­sprochen.

Carolin Phillips, aus dem katholischen Meppen im Emsland stammend und später in Hildesheim aufge­wachsen, erlebte die Be­geg­nung mit anderen Kulturen und all ihren Vor­urteilen erst, als sie ihren vietnamesischen Freund kennen lernte, mit dem sie inzwischen seit 38 Jahren ver­hei­ratet ist. Er gehörte zu den damaligen „Boatpeople“. Seine Familien­ge­schichte war die Grundlage für eine Kurz­ge­schichte, die sie uns mit­brachte.

Beim Hören merkte man kaum, dass es sich um den Erzähl­stoff der 1970er/80er Jahre handelt: Die Schilderung der überfüllten Flücht­lings­boote, auf denen schnell jeder sich selbst der Nächste wurde; die zurück­ge­lassenen Mütter, weinenden Kinder, die Sterbenden auf See; Nahrungs- und Wassermangel auf den Booten wegen un­menschlichem Kalkül der Schlepper; das An­kommen in Lagern in der Fremde, die unge­wisse Zukunft in Deutsch­land mit rechten Wahl­parolen auf Plakaten wie „Das Boot ist voll“ – all das klang leider höchst aktuell.

Imposant war neben der literarischen Kost das denkmal­geschützte Georg-von-Coelln-Haus, in dem der Interims­plenarsaal liegt und das Teil der historischen Altstadt ist. Auf den Sitz­plätzen der Abge­ordneten saß es sich bequem, Namens­schilder auf den Tischen wurden von den Schülerinnen und Schülern ebenso interessiert inspiziert wie die darunter liegenden Schub­laden und die höhenver­stell­baren Stühle. Gut, dass nach jeder Lesung Fragen gestellt werden konnten, die die bio­grafischen Informationen und Lese­eindrücke vertiefen konnten und den Vormittag so abwechslungs­reich ab­rundeten. Den krönenden Ab­schluss bildete schließlich ein Buffet, zu dem der Landtag uns einge­laden hatte. Neben dem Verzehr der leckeren Häppchen bestand dabei die Möglichkeit zum Gespräch mit den Autoren, die auch bereit­willig mit­ge­brachte Bücher signierten.

Wer Lust aufs Lesen be­kommen hat, findet in unserer Schul­bibliothek Bücher aller drei Autoren (Aygen-Sibel Celik, Salim Alafenisch und Carolin Philipps).

Annette Gudsuzian