Leibnizer erinnern an Rukeli Trollmann

 
Ein Sportidol aus Hannover

In Hannover kannte ihn jeder. Er gehörte zu den besten Sportlern der Stadt, gewann mehrfach die han­no­versche Amateur­meisterschaft im Boxen und galt als Frauen­schwarm. Man nannte ihn auch „Gibsy“, den Zigeuner-Boxer, denn Johann Trollmann war ein Sinto. Er wuchs im Tiefenthal in der Altstadt auf. Seine Verwandten und Freunde nannten ihn bei seinem Sinto-Namen: Rukeli.

Prüfungskurse Sport und Geschichte kooperieren

Das Schicksal von Rukeli Trollmann stand im Mittel­punkt einer Gedenk­stunde, die Schüler­innen und Schüler der Leibniz­schule am 27. Januar 2015 in der Schul­aula gestalteten. An diesem Tag hatten vor 70 Jahren Soldaten der Roten Armee das Vernichtungs­lager Auschwitz erreicht und die letzten dort verbliebenen Häftlinge befreit. Seit 1996 ist er als „Tag des Gedenkens an die Opfer des National­sozialismus“ ein offizieller Gedenk­tag in Deutsch­land. In anderen Ländern wird er auch als Holocaust-Gedenktag begangen. Die Schüler­innen und Schüler der Prüfungs­kurse Sport von Herrn Müglich und Geschichte von Herrn Ehlers erinnerten aus diesem Anlass gemeinsam an Rukeli Trollmann und die Ver­folgung von Sinti und Roma.

Deutscher Meister für drei Tage

Trollmann wurde Ende der 1920er Jahre Box­profi. Im Juni 1933 kämpfte er in Berlin um die deutsche Meister­schaft im Halb­schwer­gewicht. Das Publikum sah einen klaren Sieger nach Punkten: „Gibsy“ Trollmann! Der Ring­richter urteilte jedoch auf „unent­schieden“. Georg Radamm, der Spitzen­funktionär des gleich­geschalteten Verbands Deutscher Faust­kämpfer, hatte vor dem Kampf intern deutlich gemacht, dass der „Zigeuner“ auf keinen Fall gewinnen dürfe. Das ließ sich das Berliner Box­publikum nicht bieten und randalierte ein halbe Stunde lang, bis die Funktionäre ein­lenkten. Rukeli bekam den Titel, aber nur zum Schein. Bereits drei Tage darauf erkennt die von NS-Funktionären geführte Boxsport Behörde Deutschlands Trollmann den Titel wieder ab, wegen „un­genügender Leistungen“.

Boxen auf der Aulabühne

Die Elft­klässler erzählten diese Geschichte in wechselnden Rollen nach. Dabei infor­mierten sie die rund 180 Zuhörer aus dem zehnten und elften Jahr­gang auch über die Her­kunft von Sinti und Roma und betteten Trollmanns Geschichte in die historischen Zusammen­hänge ein. Jaro Bandmann und Marian Just demonstrierten auf der Aula-Bühne live den von den National­sozialisten geforderten eher statischen „Deutschen Faust­kampf“ und den beweg­lichen Boxstil von Trollmann.

Stummer Protest im Boxring

Auch Trollmanns weiteres Schicksal wurde gewürdigt. Vor seinem nächsten Kampf blon­dierte er sich die Haare und puderte seinen Körper weiß ein, um sich „arisch“ zu macheneine Ver­spottung des NS-Rassismus und ein Protest gegen die un­gerecht­fertigte Ab­erkennung des Meister­titels. Als Box­profi hatte Rukeli jedoch keine Zu­kunft mehr. Auch die Tat­sache, dass er seit 1939 in der Wehr­macht gekämpft hatte und ver­wundet worden war, ver­hinderte nicht seine Ver­haftung und Ver­schleppung in das KZ Neuen­gamme bei Hamburg im Jahr 1942. Hier musste er SS-Männer im Boxen trainieren, bis ihn das illegale Häftlings­komitee mit falscher Identität in das Neben­lager Wittenberge schmuggelte. Dort wird er von einem Kapo erkannt und erneut zum Boxen gezwungen. Er be­siegte den Kapo, der ihn darauf­hin bei nächster Ge­legen­heit während der Arbeit erschlug.

Mahnung gegen Diskriminierung und Rassismus

All das ent­falteten die Schüler­innen und Schüler in der knapp vierzig–minütigen Gedenk­stunde vor ihren Mitschülern. Hauke Köhn (Klavier) und Milan Speth (Saxophon) akzen­tuierten die Aus­führungen in ge­konnter Weise durch musikalische Bei­träge. Die Menschen­verachtung und Wider­sinnigkeit der NS-Ideologie wurde an­schaulich ver­deut­licht. Die stell­vertretende Schul­leiterin Monika Rosner betonte, dass die Er­innerung an die Ver­brechen des National­sozialismus auch dazu mahne, im schulischen Zusammen­leben anderen gegenüber offen und tolerant zu sein. Diskrimi­nierung habe an der Leibniz­schule keinen Platz.

Dank an Leibnizer für besonderen Einsatz

Den Schüler­innen und Schülern, die diese Gedenk­stunde gestaltet haben, gilt ein herzlicher Dank für ihren be­sonderen Ein­satz. Sie haben nicht nur das Schicksal des hannoverschen Sport­idols Rukeli Trollmann, sondern auch der Sinti und Roma unter der national­sozialistischen Ver­folgung eindrucks­voll in Er­innerung gebracht.

Mehr über Rukeli Trollmann:
Gedenkstunde am 27. Januar 2015