Wall und Graben oder „theoria cum praxi“

Leibniz schaufelt. Ein archäologisches Experiment im Lateinunterricht

Manchmal springt ein Funke über: Im Lateinunterricht des Jahrgangs 9 sahen wir uns im Schuljahr 2010/11 nach der Cäsarlektüre einen kleinen Film über das Leben römischer Legionäre an. Man konnte einige Herren in den besten Jahren beim Schanzen bewundern, also beim Anlegen von Wall und Graben, so wie es die Legionäre nach den Quellen auf ihren Märschen durch Europa jeden Abend tun mussten.

 

 

Und da war sie, die Idee – erst unterschwellig, dann aber kam auf Nachfragen am nächsten Tag ein klares „Ja, wir wollen es mit den Legionären aufnehmen und es selbst probieren. Der Acker dafür fand sich in Sekundenschnelle, denn Jona zögerte nicht, uns das Feld seines Großvaters bei Lehrte anzubieten.

Man nehme für dieses archäologische Experiment:

  • 27 Schülerinnen und Schüler mit einer Idee: Lateinkurs (mittlerweile Jg. 10).
  • Einen Kollegen, der die Kunst des Messens und Berechnens von Energien und Volumina beherrscht und sich gern an frischer Luft bewegt: Herrn Wiedmann.
  • Einen Großvater voller Begeisterung, Sachverstand und Verständnis für die Sache: Herrn Krüger.
  • Eine Lateinlehrerin mit einer Schwäche für Archäologie und frische Luft und dem passenden Material im Bücherschrank: Frau Petzel.
  • Einen jungen Archäologen mit Fachkenntnissen, Schaufel und Humor: Herrn Pahlow vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.
  • Einen sonnigen Septembertag.

Die Organisation des Vorhabens hatte schon am ersten Tag der Sommerferien morgens um 8.00 Uhr bei einem Gespräch mit dem Landesarchäologen Herrn Dr. Haßmann begonnen, der uns launig begrüßte „Eigentlich müssten Sie vorher nach Lehrte laufen!“ Das lehnten wir freundlich, aber entschieden ab.

Dann gewann das Projekt in der Diskussion konkrete Maße: Länge 6 bis 8 m, Tiefe 1 m, Wallhöhe ca. 70 bis 80 cm. Die Wallkrone, die sogenannten pila muralia, stellte uns Herr Leifer von der Prima Cohors Germanorum zur Verfügung: Sieben originalgetreue pila aus hundertjähriger Eiche!

Ein Besuch bei Familie Krüger in Lehrte brachte das Problem des Energieverlustes der selbsternannten Legionäre auf den Tisch: Gerne nahmen wir ihre freundliche Einladung an, uns hinterher mit Grillwürstchen und – ganz stilecht – Coca Cola zu stärken.

Es folgten vier Stunden Quellenlektüre, Berechnungen, Diskussion um Fachbegriffe, Werkzeuge, Werkzeugformen und Arbeitsvorgänge im Unterricht bei Frau Petzel sowie immerhin eine Stunde im Teamteaching mit Herrn Wiedmann. Dann rückten wir aus.

In echter Teamarbeit – jeder sah die Arbeit und tat sie – haben wir es in dreieinhalb Stunden bei bester Stimmung tatsächlich geschafft, acht Meter vallum fossaque in spitzwinkliger Form auszuheben, den Wall aufzuschütten, die pila einzusetzen und unseren gemeinsamen Erfolg zu genießen!

Vielen Dank an Mario Pahlow und Sven Wiedmann, ohne deren Motivationsgabe im Graben es nicht so perfekt geworden wäre! Dr. Haßmann sparte nicht mit Lob und Anerkennung für den Fleiß der „Legionäre“ und „Legionärinnen“ – seine Glückwünsche kamen per E-Mail am nächsten Tag.

Leibniz‘ Geist hat uns auch ein bisschen beigestanden, denn er hielt ja Feldmessung für unerlässlich. Ein schönes Beispiel, wohin Lateinlektüre führen kann. Ganz in Leibniz‘ Sinn: Theoria cum praxi, von der Theorie zur Praxis – also mitten ins Leben!

Die Schülerinnen und Schüler des Lateinkurses der Klassen 10 b/c/d, Dr. Anic Petzel, Sven Wiedmann, Dr. Mario Pahlow, NLD